Graf Saint Germain in der Literatur – Fehler in der biographischen Darstellung

Graf Saint Germain in der Literatur  Friedhard Radam

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Gründe von Mängeln und Ungenauigkeiten

in der biographischen Darstellung

Die Gründe für so viele Leerstellen in der Vita des Grafen von Saint-Germain sind zahlreich, ebenso die für Fehler und Unscharfen in der Darbietung.

Übergreifen der Fachgebiete

Zu den Gründen, die auf der Autorenseite liegen, gehört in erster Linie das Überlappen der Fachgebiete. Ich bin weiter oben schon darauf eingegangen und brauche hier nur zu bekräftigen. Die Spannweite der betroffenen Gebiete reicht von der Spionage zur Alchemie, von der Wirtschaftsgeschichte zur Musik oder auch zur Diätetik. Kein Wunder, daß viele Sachwalter bestimmter Fächer sich inkompetent fühlen mochten für Seiten der gräflichen Existenz, die außerhalb ihrer Grenzen lagen und deshalb von einer Darstellung Abstand nahmen oder nehmen. Hier werden in doppeltem Sinne die Fakultäten überschritten.

Für Fachhistoriker zumindest spielt sicherlich auch eine Rolle, daß der Graf von Saint-Germain keine geschichtliche Figur war in dem Sinne, daß er politische oder kulturelle Entwicklungen offen geprägt oder beeinflußt hatte. Kaum ein Opus, keine Nachwirkung auf Schüler, keine markante Untat, nur ein fast zustande gekommener Vertrag und beinahe reüssierte Fabrikunternehmen. Es ist auch aus diesem Grund kein Wunder, wenn er in historischer Darstellung überwiegend in solchen Werken auftaucht, welche in bunter Folge die Absonderlichkeiten und Kuriositäten der Weltgeschichte in sich versammeln. Deren Titel allein sprechen schon für sich: „Abenteuerliche Gesellen“ (Georg Hesekiel), Remarkable adventurers and unveiled mysteries“ (Lascelles Wraxall) oder „Geheime Geschichten und rätselhafte Menschen“ (Friedrich Bülau). Dort erscheint Saint-Germain dann in einer Reihe mit Struensee, Kaspar Hauser, dem „Mann mit der eisernen Maske“ oder gar dem König Ferdinand VI. von Spanien, der sich auf den Bettpfosten setzte, um die von ihm selbst absichtlich herbeigeführte Diarrhöe am Abfluß zu hindern und sich dadurch zu vergiften oder zum Platzen zu bringen. Eine solche unverschuldete Nachbarschaft ist natürlich nicht ohne Einfluß auf die Beurteilung geblieben. Gleichermaßen abschreckend ist für viele sicherlich die häufige Okkupation des Grafen durch Okkultisten gewesen. –

Schwierigkeiten der Fixierung auf Sprache und Länder

Zu den Hindernissen gehört auch – und hier bewegen wir uns schon auf die Seite der behandelten Figur hin – deren permanentes Überschreiten von Sprach- und Ländergrenzen. Nationales Interesse entfällt fast völlig, denn welches Volk könnte den Grafen von Saint-Germain ohne starke Einschränkungen als Angehörigen für sich in Anspruch nehmen? Franzosen, Holländer und Engländer nicht, auch wenn er in deren Geschichte notorischer wurde als bei anderen. Italiener kaum, selbst wenn er von dem letzten Medici aufgezogen worden sein sollte und sich zu verschiedenen Malen in Italien aufgehalten hat; dort auch versucht hätte, eine Industrie zu begründen – für eine nationale Inanspruchnahme ist das zu wenig. In noch stärkerem Maße gilt das für Ungarn oder Spanier, je nachdem, welche Herkunftstheorie man sich zu Eigen machen würde. Es gehörte schon ein etwas weit hergeholter Chauvinismus dazu, aus dem Adeligen von Saint-Germain im Ganzen einen siebenbürgischen Märtyrer zu machen. 
Blieben die Deutschen. Beide Abstammungshypothesen würden ihm die Hälfte der Blutzufuhr aus unserem Lande zugestehen. Es sieht bisher nicht so aus, als wollte man aus diesem Grunde historische Ansprüche auf seine Gestalt geltend machen. Zu befragen blieben unter Umständen die Nachkommen der Familien Pfalz-Neuburg oder Hessen-Rheinfels (wieder je nachdem).

Läßt man die „Ländereien“ außer acht, die Saint-Germain angeblich in Deutschland besessen haben soll, die aber bisher niemand genau lokalisiert hat, streicht man die sächsischen und preußischen Episoden als unerheblich und sehr wenig deutsch-national gefärbt, übergeht man den Kongreß in Wilhelmsbad als fragwürdig, so könnten ihn in der öffentlichen Geschichte nur Schleswig – Eckernförde – Rendsburg für sich reklamieren. Denkt man an den Besuch Indira Gandhis, könnte man fragen: sollte den Schleswig-Holsteinern in dem Grafen von Saint-Germain ein Regionalheros erwachsen wollen? Genügend konservativ gesinnt war er.
 Verbunden mit dem Nationalproblem ist das der Sprache; allerdings ist es hier verschoben, fast umgekehrt. Wenn wir annehmen, daß die Muttersprache Saint Germains – im genauen Sinne des Wortes- deutsch war, so ist das ein Wissen ohne Folgen. An Schriftlichem hat er ohnehin so gut wie nichts hinterlassen, in deutscher Sprache keinesfalls irgendetwas. Er hat als Angehöriger der Oberschicht mit Sicherheit überwiegend französisch gesprochen; der Gebrauch eines familiären Idioms mußte schon deshalb unterbleiben, weil es ihm an Familie und anderem vertrauten Anhang fehlte. Die Quellen und Zeugnisse sind fast alle in französischer Sprache verfaßt*, auch Lamberg, Gleichen und Karl von Hessen-Kassel schrieben französisch. Nun darf man zwar auch heute noch annehmen, daß ein historisch interessierter Wissenschaftler diese Sprache lesen kann, doch ist, außer bei Spezialisten, die Hemmschwelle sicherlich hoch, wenn die überwiegende Mehrzahl der Darstellungen in ihr abgefaßt ist. über das Englische brauchen wir nicht zu reden, doch England bildete nur eine Nebenörtlichkeit im Dasein des Grafen, von seinen musikalischen Erfolgen dort einmal abgesehen; aber in seiner Virtuosenzeit wiederum war er gesellschaftlich noch ein unbeschriebenes Blatt, noch nicht die Gestalt, um die sich die Gerüchte rankten.
Es blieben als betroffene Gebiete, in denen man sich für ihn interessieren könnte, die anderen Länder übrig, die er bereist hat oder haben soll. Die exotischen kann man von vornherein ausschließen für unseren Gedankengang. Selbst wenn er in Mexico oder Indien gewesen sein sollte, wird sich davon kein Niederschlag finden lassen. In Europa ist es etwas anderes. Holland als Domizil und Tätigkeitsbereich des Grafen in verschiedenen Jahren hat relativ viel Literatur über ihn aufzuweisen, die mit ein wenig Mühe auch von nicht ganz des Niederländischen mächtigen germanischsprachigen Interessierten verstanden werden kann. Bei Italien ist es schon schwieriger, bei anderen in Frage kommenden Ländern oder Gegenden (Spanien? Portugal? Rußland? Malta?) ist der Forschende schon ganz auf Vermutungen angewiesen. Sei es, daß Literatur aus anderen als den mitteleuropäischen Hauptländern nicht in die gängigen Biographien mit aufgenommen wurden, sei es, daß in anderen als diesen keine Kenntnis vom Grafen bestand oder kein Interesse an ihm: die Zahl der bekannten Arbeiten von dort ist minimal. –

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Redaktionell: 

Scan-Exemplar. Fußnoten aus techn. Gründen entfernt

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Alchemie, Lascelles Wraxall, Georg Hesekiel, Friedrich Bülau,  Struensee, Kaspar Hauser,  König Ferdinand VI. von Spanien, Kongreß in Wilhelmsbad, Schleswig, Eckernförde, Rendsburg, OkkultismusIndira Gandhi, Schleswig-Holstein, Lamberg, Baron von Gleichen, Karl von Hessen-Kassel,