Graf Saint Germain in der Literatur – Namenswechsel, Namenverwechslung

Graf Saint Germain in der Literatur  Friedhard Radam

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Weltanschauung
Gründe personeller Art

Namenswechsel, Namenverwechslung

Chevalier d’Éon (Wikipedia)

Man kann Verläßliches nur über eine Person berichten, die man selbst kennt oder genau zu identifizieren imstande ist. Wie aber, wenn jemand als Solar ein Land verläßt und als Caldwell ein anderes betritt? Der Graf wird, wenn man alle Angaben zusammenträgt, unter 30 – 40 verschiedenen Namen geführt, von denen er sich eine unbestimmte Anzahl selbst beilegte. Sie waren symbolisch (Welldone), bezogen sich auf Lebensumstände („Surmont„, als er Besitzer des Schlosses Ubbergen geworden war), gaben versteckt seine Identität zu erkennen (Tsarogy) oder waren frei erfunden. Neben diesem einfachen Sichzulegen eines fiktiven Namens gibt es aber noch die Version, „Saint-Germain“ sei, mit oder ohne Wissen der Betreffenden, vorübergehend in die Identität lebender und, was die Angelegenheit noch heikler macht, durchaus bekannter Zeitgenossen geschlüpft. Dazu zählen eigenartigerweise besonders Schriftsteller, wenn auch nicht gerade Voltaire und Beaumarchais. Genannt werden Louis Dutens, Verfasser der „Mémoires d’un voyageur qui se repose“, und der Abbè Raynal. An anderen wäre anzuführen der Chevalier d’Eon, eine Person, die für derartige Wechselspiele und Verwechslungen einigermaßen geeignet scheint, denn abgesehen davon, daß der Chevalier geheimdiplomatisch tätig war, soll man lange Zeit gerätselt haben, ob er Mann oder Frau gewesen sei. (Gleiches sagte man übrigens sogar Saint-Germain nach). Ich bin nicht in der Lage, all diese Spekulationen zu durchschauen, halte aber die meisten für abwegig, zumal sie überhaupt nicht dokumentierbar sind (siehe euch meinen Kommentar zu Langeveld im Anhang).

Nicht folgen kann ich auch, wenn als unumstößlich hingestellt wird, Saint-Germain sei während seines Aufenthalts in Nordeuropa quasi mit dem italienischen Aufklärer Francesco Algarotti identisch gewesen und hätte über lange Zeiträume hin mit Erlaubnis von dessen Familie seinen Namen geführt. Argumente, die dagegen sprechen: Algarotti war als Verfasser des „Newtonianisme pour les dames“ eine europäische Berühmtheit. Er war mit allen europäischen Geistesgrößen gut bekannt, und eine unverwechselbare Erscheinung. Mit Friedrich dem Großen war er mehr als bekannt, nämlich befreundet auf eine Weise, in der Sinnliches eine große Rolle spielte – und ein Hang zu erotischer Sinnlichkeit ist ein Wesenszug, dessen Fehlen bei Saint-Germain gerade auffällig ist. Überdies hat Algarotti über längere Strecken hin an Friedrichs II. Hof gelebt, während mehrere Briefe des Preußenkönigs beweisen, daß er, dem man doch geistige Neugier nachsagte, sich Saint-Germain geradezu vom Leibe halten wollte, da er ihm nicht ganz traute. Es ist auch nicht einzusehen, weswegen Leopold Georg von Rakoczy sich mit einem Empfehlungsschreiben in eigener Sache als Saint-Germain an Friedrich wenden mußte – wie er es getan hat, da er doch als Algarotti ein enger Freund von ihm gewesen sein soll. –

Zu dem eigenmächtigen Verschwinden hinter Inkognitos kommen noch die Verwechslungen durch andere mit Trägern des gleichen Namens hinzu.
An erster Stelle steht hier ein im juristischen Sinne echter Saint-Germain, der schon mehrfach erwähnte Claude-Louis de Saint-Germain, französischer Offizier und Feldmarschall (in verschiedenen Diensten), später Frankreichs Kriegsminister. In seinen Memoiren schwieg sich wahrscheinlich Adelsstolz über unseren Saint-Germain aus. Es ist nämlich wenig wahrscheinlich, daß die beiden überhaupt nicht in gesellschaftliche Reichweite miteinander geraten waren, denn zum Unglück für jeden Biographen und Bibliographen lebten sie nicht nur zu gleichen Zeit, sondern sie hielten sich auch mehrere Male zeitweilig in denselben Gegenden auf. Zu allem Überfluß waren sie beide Schützlinge und Freunde des Marschalls von Belle-Isle. Der Gedanke an mögliche Konfusionen drängt sich geradezu auf. Vieles von dem, was man dem zivilen „Abenteurer“ zuschreibt, geht infolgedessen auf das Konto des militärischen. So vor allem das angebliche Wirken in Rußland. Den Berichten oder Gerüchten zufolge soll unser Saint-Germain mitbeteiligt gewesen sein an der Palastrevolution, welche die dann so genannte Katharina II. (die Große) gegen ihren Gatten angezettelt hatte. Da sie in unmittelbarer Folge dieses Staatsstreichs ihren eigenen Mann umbringen ließ, wäre Saint-Germain mithin an einem Mord beteiligt gewesen. Es würde zu weit führen, auf die technischen Einzelheiten einzugehen, die eine Verwechslung der beiden Saint-Germains zwar nahelegen, aber den unseren als Beteiligten ausschließen; jedoch ganz abgesehen davon liegt bei Rakoczy – Saint-Germain selbst eine entfernte Mittäterschaft an einem Mord doch gänzlich außerhalb der Persönlichkeit. Doch selbst wenn man das Mitwirken an der Revolution beließe, und sei es auch nur eine innerhalb des Palastes gewesen, bliebe die Annahme verwunderlich, denn es gab neben der Sexualität kein anderes Gebiet, auf dem er so abstinent war wie das des Kriegswesens.
 Übernehmen Saint-Germain – Spezialisten diese Ungereimtheiten, so ist es schon beinahe verzeihlich, wenn große öffentliche Informationseinrichtungen das Publikum in die Irre führen.

Dafür zwei Beispiele:
In der neuesten Auflage vor „Meyers Enzyklopädischen Lexikon“ heißt es in dem 1981 erschienenen 28. Band, der das Personenregister enthält:

„Saint-Germain, Claude Louis Comte de, 1707-1778, frz. General u. Politiker: Lebenselixier 14/722″

Und in Band 14 findet man dann unter „Lebenselixier„:

„Universalarznei, die Jugend, Schönheit und langes Leben verleihen bzw. erhalten soll… Handelsprodukt wurde das L. durch Paracelsus… Er fand später viele Nachahmer, wie z. B. im 18. Jh. den Grafen C. L. de Saint-Germain, der ein mildes Abführmittel als L. verkaufte… „

Der Herr Kriegsminister wird wahrscheinlich darob vor ohnmächtigern Zorn im Jenseits den astralen Marschallstab geschüttelt haben. –

Ein weiteres Beispiel:
Im Alphabetischen Katalog der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg findet man unter „Saint-Germain, Louis Claude“ eine Verweisung auf G. B. Volz: Der Graf von Saint-Germain, G. B. Volzens Arbeit ist als Quellensammlunq immer noch das Standardwerk im Deutschen über Rakoczy – Saint-Germain. 
Hätte es nur dies eine Pendant gegeben, so wäre es im Laufe der Zeit vielleicht möglich gewesen, den Lebensstrang unseres Saint-Germain eindeutig herauszulösen. Jedoch es sind viel kompliziertere Verflechtungen denkbar. Laut Paul Charcornac gibt es allein drei weitere bekannte ‚de Saint-Germains‘, dazu noch drei, die den Titel ‚Marquis‘ trugen. –

Der Druckkatalog der Bibliothéque Nationale verzeichnet zwei Autoren, die ebenfalls in Frage kämen. Soweit das Aktenkundige; wie groß ist die Dunkelziffer?  Paul Chacornac schreibt, es sei als wahr erwiesen, daß der Name des Grafen ein Pseudonym sei, dessen sich zu der Zeit mehrere „grands personnages“ bedient hätten, wenn sie inkognito reisten. Man konnte sich mit Leichtigkeit selbst einen Namen zulegen, wofür unsere Figur selbst ja das beste Beispiel bietet. In einem Zeitalter, da es weder Lichtbilder noch Personalausweise im heutigen strengen Sinne gab, konnte bei einem Zusammentreffen mit einem „Saint-Germain“ jedermann glauben oder sich selbst glauben machen, den Grafen kennengelernt zu haben; dies umso mehr, als die Begegnung mit einem leibhaftigen Mythos ein Erlebnis war, mit dem man in der Gesellschaft hausieren gehen konnte.
 Kurz: zuverlässig hätte über Zeiträume und Ländergrenzen hinweg unsere Person nur von jemand identifiziert werden können, der ihn genau kannte respektive wiedererkannte.
 Damit nicht genug, scheint es so, als ob sogar Personen der direkten Bekanntschaft des Grafen mystifiziert worden seien.
In Paris gab es zu jener Zeit einen Schauspieler namens Gauve. Da er auch privat ein großer Imitator war und seine Kunst vor allem auf britische Charaktere anwandte, gab man ihm den Spitznamen „Mylord Gower“. Den Spitzeln Choiseuls nun, der Saint-Germain wegen dessen Einfluß auf Madame Choiseul und seines ihm allzu vertrauten Umgangs mit dem König sehr stark beargwöhnte, war bald eine große Ähnlichkeit zwischen Saint-Germain und diesem Mylord Gower aufgefallen. Eine günstigere Koindizenz ließ sich kaum denken. Damals fanden die geselligen Aktivitäten der einzelnen Gesellschaftsklassen stark getrennt voneinander statt, folglich konnte Gauve-Gower nahezu ungefährdet in den bürgerlichen Salons den berühmten ‚Grafen von Saint-Germain‘ spielen. Ziel war, den wirklichen Menschen Saint-Germain lächerlich zu machen, und auf diese Weise seinen Einfluß bei Hofe zu untergraben.
Mylord Gower steigerte sich in seine Rolle maßlos hinein und erreichte bald schwindelnde Höhen. Hatte der Graf  Szenen der Geschichte wiederbelebt, indem er spielerisch so tat, als sei er beispielsweise am Hofe Karls V. zugegen gewesen, so gab sein Double mit absoluter Bestimmtheit vor, am Konzil von Trient teilgenommen zu haben. Damit nicht zufriedengestellt, behauptete er, Gast auf der Hochzeit von Kanaa gewesen zu sein und schon damals Jesus vorausgesagt zu haben, daß es ein böses Ende mit ihm nehmen würde. ‚Aber er hat nicht auf mich gehört.’ Als selbst das ihm nicht genügte, wollte er selbst noch die Heilige Anna, die Großmutter Jesu, kennengelernt haben. Immerhin blieb einiges von diesen Übertreibungen in den Gehirnen hängen, denn es wir nicht nur einmal die Anekdote tradiert, in der Saint-Germain sich an seinen Diener gewandt haben soll mit der Bitte, ihm bei der Fixierung eines bestimmten Ereignisses mit seinem Gedächtnis auszuhelfen:

„-Ne me trompe – je pas, Roger? lui dit-il. -Monsieur le compte oublie qu’il n’y aque cinq cents ans que je suis avec lui, je n’ai donc pu assister à cette aventure; ce coit être mon prédécesseur“.


Milder geht es bei anderen zu:

„Quelque fois en rendant un discours de Francois I, ou de Henri VIII, il contrefaisait la distraction et disant: ‚Le roi se tourna vers moi’… il avalait promptement le moi et continuait avec la précipitation d’un homme qui cTest oublié, ‚vers le duc un tel‘. „

rundgang-1So erzählt der Baron von Gleichen. War er selbst dennoch ein Opfer, er, der den Grafen gesellschaftlich gut kannte? Er gibt, als einziger, an, Saint-Germain habe ein Französisch mit piemontesischem Akzent gesprochen. Auf einen piemontesischen Ursprung des Grafen weist nur ein Gerücht hin, aber der Schauspieler Gauve stammte aus Piemont! Zumindest für den Pariser Aufenthalt des Grafen kann man also nicht immer die Frage von der Hand weisen: Ist ‚Saint-Germain‘ in Wirklichkeit Mylord Gower?

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Redaktionell: 

Scan-Exemplar. Fußnoten aus techn. Gründen entfernt

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Chevalier d’Eon (=), Charles-Geneviève-Louis-Auguste-André-Timothée d’Éon de Beaumont, Lebenselixier, Solar, Caldwell, Welldone, Schloss Ubbergen, Tsarogy, Voltaire,  Beaumarchais. Louis Dutens, Abbè Raynal, Francesco Algarotti, Friedrich der Große, Leopold Georg von Rakoczy, Claude-Louis de Saint-Germain, Marschalls von Belle-Isle, Katharina II. (die Große), Lebenselixier, G. B. Volz, Paul Chacorna, Gauve, Mylord Gower, Choiseuls, Madame Choiseul, Karl V., Konzil von Trient, Hochzeit von Kanaa, Heilige Anna, Baron von Gleichen,