Graf Saint Germain in der Literatur – Wesen und Weltanschauung

Graf Saint Germain in der Literatur  Friedhard Radam

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Wesen und Weltanschauung

Saint-Germains

Wesen und Charakterzüge

Francesco Casanova: Porträt des Giacomo Casanova, (um 1750–1755) (wikipedia)

Ich bin mir bewußt, daß die Einreihung dieser Punkte unter die Rubrik „Tatsachen“ waghalsig ist. Die Skizzierung der Hauptlinien glaube ich jedoch verantworten zu können.
 Die Mär vom Strizzi und Schwindler Saint-Germain entspringt sicherlich der Mißgunst lebender Gegner wie die vom bösen Magier der Sensationslust späterer Skribenten. Wenn er auch vielleicht nicht die große Lichtgestalt war, so sicherlich nicht der Bösewicht, der dämonische Schauer um sich verbreitete. Die wenigen, die ihn wirklich erlebt und auch zur Feder gegriffen haben, zeichnen ein eher nüchternes und erfreuliches Bild, mit Ausnahme einer Charakterschwäche, die offenbar sehr bezeichnend für ihn gewesen ist, da sie nicht nur von einem berichtet wird. Ich will sie vorwegnehmen.
 Die Rede ist von seiner EingebiIdetheit, ein Zug, von dem ich meine, man kann ihn auch seinen Porträts entnehmen. Der Graf war, so scheint es, häufig etwas pikiert. Bei Fragen seiner Herkunft ist das begreiflich. Der Zwang, sie jahrzehntelang zu unterdrücken, mag im Laufe der Zeit zu einem Legitimierungszwang geführt haben, der von fern an die ‚underdogs‘ auf unseren Straßen erinnert, die dem zufällig vorbeikommenden Passanten anhand ihres Personalausweises ihre Identität zu beweisen versuchen. Verstärkt worden mag dieser Hang sein dadurch, daß er auch später nicht expressis verbis jedem gegenüber seine Abstammung offenbaren mochte oder konnte, zum Teil aus diplomatischen Gründen. 
Saint-Germains Pochen auf seinem Rang scheint sich aber nicht nur auf Stand und Familie beschränkt zu haben. Der Baron von Gleichen, dänischer Botschafter in Paris und ein Anhänger des Grafen, dem er „avec l’assiduité la plus soumise“ sechs Monate lang folgte, nennt ihn gleichwohl „impertinent“ und erzählt folgende Geschichte:

„II jeta son chapeau et son épée sur le lit de la maîtresse du logis, se placa dans un fauteuil près du feu et interrompit la conversation e’n disant á l’homme qui parlait: ‚Vous ne savez ce que vous dites, il n’y a que moi qui puisse parier sur cette matière, que j’ai épuisée tout comme la musique que j’ai abandonnée, ne pouvant plus aller au delà. „

Einlenkend muß ich als Gegenstimme sogleich den Landgrafen von Hessen-Kassel zitieren, den einzigen Gefährten seiner späten Tage. Er rühmt seine Uneigennützigkeit und schreibt,

„sein Herz beschäftigte sich nur mit dem Glück Anderer“.

Das ist zwar nicht direkt ein Widerspruch, aber selbst wenn man einen Prozeß der Persönlichkeitsreifung in Anschlag bringt: entwickelt man sich von einem Ausbund an Unverschämtheit zu einem Muster von Demut?
 Es hat den Anschein, als ob des Grafen Bescheidenheit wuchs mit der abnehmenden Zahl seiner Zuhörer. In Gesellschaft war er ein gewaltiger Parleur. Selbst Casanova gibt zu, es sei schwierig gewesen, besser zu reden als Saint-Germain. Bei einem solchen Konkurrenten wahrlich ein Eingeständnis! – Beweis sind auch seine oft bezeugten imaginierten Szenen aus der Geschichte, aus denen zum Teil die Legende seiner Langlebigkeit erwuchs, da viele seiner Zuhörer seiner Eloquenz zum Opfer fielen, indem sie diese Szenen für wahr hielten.

rundgang-1Madame Genlis hingegen, die dem Grafen unter vier Augen begegnete, nennt ihn

„grave et morale dans son maintien et dans ses discours“.

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Redaktionell: 

Scan-Exemplar. Fußnoten aus techn. Gründen entfernt

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Baron von Gleichen, Giacomo Girolamo Casanova, Madame Genlis