Karl May – Das Zauberwasser – 3 – Im Haag

Karl May - Das Zauberwasser - 3 - Im Haag

Im Haag

Der Graf d’Affri, französischer Gesandter in den Niederlanden, hatte große Soirée. In den prachtvollen Räumen seiner Wohnung bewegten sich außer den hohen Würdenträgern der Generalstaten und den Vertretern aller europäischen Nationen eine zahlreiche Menge berühmter oder einflußreicher Privatpersonen, deren Anwesenheit der Versammlung einen weniger diplomatischen Anstrich gab, als sie sonst besessen hätte.
Man hatte die Tafel aufgehoben, an welcher man mehrere Stunden lang den materiellen Freuden des Lebens gehuldigt hatte, und die Anwesenden suchten, in einzelnen Gruppen aufgelöst und in die verschiedenen Zimmer vertheilt, ihren persönlichen und staatlichen Interessen mittels einer regen, beliebig angeknüpften und ebenso leicht wieder abgebrochenen Unterhaltung nachzukommen.
Ein junger Mann in einfachem , schwarzem Anzuge durchschritt scheinbar theilnahmlos die Reihen der conversirenden Herren und Damen und gelangte in ein leeres Zimmer, welches die lange Enfilade der Gemächer beschloß. Es war nur spärlich erleuchtet. Er trat an eines der Fenster und blickte, von den weit herabgehenden Gardinen vollständig verhüllt, durch dasselbe heraus in die abendliche Winterlandschaft.
Da vernahm er nahende Schritte. Zwei Männer traten ein und nahmen auf einem der die Wände garnirenden Sammelpolster Platz. Ganz sicher hatten sie sich zurückgezogen, um irgend einen Gegenstand, der nicht für Jedermanns Ohren war, zu besprechen. Der junge Mann stand schon im Begriffe, aus seinem unabsichtliche Verstecke, wie es ihm die Ehre gebot, hervorzutreten, als er einen Namen nennen hörte, bei dessen Klange er zu bleiben beschloß. Er hörte daß der eine der Männer der Graf d’Affri selbst war; der Andre war der berühmte Casanova, der sich durch seine kühne Flucht aus den Bleikammern Venedigs Ruhm erworben hatte, und jetzt von Frankreich nach dem Haag geschickt war, um im Auftrage des Herzogs von Choifeul eine wichtige Geldangelegenheit zu betreiben.
„Ich sage Ihnen, mein lieber Casanova, daß Sie sich mit der Hoffnung, gute Geschäfte zu machen, täuschen werden,“ meinte der Graf. „Ich hege viel Theilnahme für Sie und wünsche Ihnen das beste Gelingen, aber der König wird schlecht bedient, die Operationen des General-Controleurs haben die Nation discreditirt und man ist, ich sage es Ihnen offen, auf einen unvermeidlichen Bankerott gefaßt.“
„Das weiß ich alles sehr genau; aber ich möchte dennoch nicht ganz an dem Erfolge meiner Sendung verzagen. Es mangelt der Regierung an Geld. Ich bin beauftragt, für zwanzig Millionen französischer Staatspapiere, welche der Minister Ihnen geschickt hat, mit einem möglichst geringen Verluste gegen besser stehende ausländische Papiere umzutauschen, eine Manipulation, deren Gelingen mir nicht unmöglich erscheint, da der Minister mir versichert hat, daß der Krieg, welcher unsre Schuldscheine drückt, sich seinem Ende nähere. Die geheimen Friedensverhandlungen sind im vollsten Gange.“
„Ich will diese letztere Thatsache nicht in Abrede stellen; doch geben Sie sicherlich zu, daß ich als Gesandter über unsre politischen Hoffnungen und Befürchtungen vollständiger unterrichtet sein muß als Sie. Die Staatskasse ist leer, die Flotte ist vernichtet, unsre Heere sind geschlagen. Der Friede wird kein vorteilhafter für uns sein. Wer jetzt unsre Papiere kauft, muß lange warten, ehe er hoffen darf, sie ohne Verlust verwerthen zu können, und Herr von Benis hat mich beauftragt, Ihnen die zwanzig Millionen nur mit acht Procent Minus zu überlasen. Ich bin sehr geneigt zu glauben, daß bei einem solchen Angebote Niemand kaufen wird.“
„Ich halte trotzdem meine Hoffnung fest. Wenn der König sieht, daß seine Forderung zu hoch ist, wird er sich zu einer Reduktion derselben entschließen; ich hatte heut’ eine Conferenz mit Herrn Peels und sechs anderen Compagniechefs. Sie boten zehn Millionen baar, sieben Millionen in fünfprozentigen Papieren und verzichteten außerdem auf zwölfmalhunderttausend Gulden, welche die französisch-indische Gesellschaft der holländischen schuldet; das sind neun Prozent Verlust für uns. Das Gebot scheint mir unter den gegenwärtigen Verhältnissen sehr acceptabel.“
„Sie täuschen sich, wenn Sie glauben, daß der König zu diesem Handel in irgendeiner Beziehung stehe. Die Politik des „Deul de boeuf“ befindet sich sehr oft und so auch grad gegenwärtig in der Lage, sich der Berechnung ihrer creditirten Vertreter zu entziehen.“
„Ich verstehe Sie nicht.“
„Das ist möglich. Kennen Sie vielleicht den Grafen von St. Germain?“
„Ich habe ihn in Paris bei Frau d’Orfé gesehen. Er besitzt ganz das Aussehen eines außerordentlichen Mannes. Der König schenkt ihm sein Vertrauen und hat ihm sogar eine Wohnung in Chambord eingerichtet.“
„Ah?“ rief d’Affri erstaunt. „Dieser Abenteurer scheint vom Glücke bevorzugt zu werden. Wissen Sie, daß er sich hier im Haag befindet?“
„Kein Wort!“
„Er ist im „Prinzen von Oranien“ abgestiegen und gerirt sich mit diplomatischer Miene, ohne mich eines Besuches zu würdigen. Ich habe die Art und den Zweck seiner Sendung nicht zu enträthseln vermocht, werde mich aber auch nicht in die Gefahr begeben, mich durch eine Empfehlung bloszustellen, wenn man sich bei mir nach ihm erkundigt.“
„Im „Prinzen von Oranien“? Das ist der Gasthof, in welchem auch ich wohne!“
„Dann werden Sie vielleicht mit ihm zu sprechen kommen?“

„Auf alle Fälle, Graf.“
„Darf ich Ihnen die Geschicklichkeit zutrauen, den Zweck seines hierseins zu erfahren?“
„Ich weiß nicht, ob ich sie besitze; es kommt ja nur auf eine Probe an.“
„Versuchen Sie es. Jetzt aber lassen Sie uns zur Gesellschaft zurückkehren, man würde uns sonst vermissen!“
Als die beiden Männer sich entfernt hatten, verließ der Lauscher sein Versteck und begab sich in die vorderen Gemächer zurück. Dort trat er zu einem Manne, welcher sich eine eigenartige, männliche Schönheit auszeichnete und allein an einem der kleinen Pfeilertischchen saß.
„Verzeihung, mein bester Herr Casanova,“ entschuldigte er sich, „daß ich um die Erlaubnis bitte, an Ihrer Seite Platz zu nehmen! Es treibt mich der Wunsch dazu, Ihnen nützlich sein zu dürfen.“
Der berühmte Verbannte Venedigs deutete auf einen vis-à-vis stehenden Stuhl und meinte höflich:
„Die Gesellschaft des Herrn Barons von Langenau ist mir zu jeder Zeit eine angenehme! Auch ich hege den Wunsch, Ihnen dienen zu dürfen.“
„So lassen Sie mich Ihnen den ersten Beweis unserer gegenseitigen freundschaftlichen Besinnung geben! Ich höre, daß Herr von Choifeul Ihnen die Ordnung einer gewissen finanziellen Angelegenheit aufgetragen hat?“
„So ist es. Ich habe keinen Grund, aus der Sache ein Geheimnis zu machen.“
„Ich möchte gern das Meinige beitragen, Ihnen die Lösung Ihrer Aufgabe zu ermöglichen.“
„Sie würden mich Ihnen dadurch zu lebhaftem Danke verbinden,“ meinte Casanova. „Sollte vielleicht wirklich eine positive Unterstützung in Ihrer Macht liegen?“
„Nicht eine positive, sondern eine negative, aber, wie ich hoffe, darum doch keine ganz und gar geringfügige. Ich bin nämlich in der glücklichen Lage, Ihnen ein bedeutendes Hinderniß, welches sich Ihrem Vorhaben entgegenstellt und von dem Sie keine Nachricht zu haben scheinen, nennen zu können.“

„Ein Hinderniß? Wirklich? Darf ich fragen, worin es besteht, Herr Baron?“ fragte Casanova.
„Es heißt Saint Germain,“ antwortete Baron von Langenau.
„Saint Germain? Kennen Sie diesen Mann?“
„Ein wenig; doch würde ich einem Andern gegenüber wohl kaum Luft haben, dies einzugestehen. Sie kennen die Angelegenheit nicht, welche ihn nach dem Haag geführt hat?“
„Nein,“ antwortete Casanova. „Ist sie Ihnen bekannt?“
„Ja. Es handelt sich um nichts Geringeres als hundert Millionen gegen Verpfändung der französischen Krondiamanten. Dies Geschäft möchte der König ohne Einmischung seiner Minister und selbst ohne, daß sie etwas erführen, machen. Der Graf von Saint Germain hält sich für den Mann, es glücklich zu Stande zu bringen, und läßt sich in Folge dieses Selbstvertrauens nicht herbei, dem Grafen d`Affri einen Besuch zu machen.“
„Sind Sie überzeugt, daß Sie mir die Wahrheit sagen?“
„Vollständig; Herr Calcoen, ein Secretair Ihrer Hochmögenden, hat mir das Geheimniß vertraut und mich auch davon benachrichtigt, daß Saint Germain den Schönsten der Krondiamanten als Unterpfand deponiert habe. Der Stein soll prachtvoll und vom reinsten Wasser sein. Man ist nicht abgeneigt, auf das Geschäft einzugehen, und Sie sehen ein, mein bester Casanova, daß Sie darunter leiden werden. Wenn man dem Könige hundert Millionen borgt, wird man nicht geneigt sein, Ihre zwanzig Millionen umzuwechseln.“
„Sie haben Recht, und ich bin Ihnen zu großen Danke verpflichtet. Ich verstehe vollkommen den Wink, welchen Sie mir geben wollen, und will Ihnen auf offen sagen, daß die hundert Millionen des Königs mir nicht so sehr am Herzen liegen als meine zwanzig; der Mensch ist ja Egoist. Sie scheinen bereits über diese Sache nachgedacht zu haben; können Sie mir vielleicht einen guten Rat ertheilen?“
„Ein Mann von Ihren Fähigkeiten bedarf des guten Rathes nicht, aber ich werde Sie dem Banquier Adrian Hope vorstellen, welcher die entscheidende Stimme in der Saint Germain´schen Angelegenheit hat und Ihnen in der Ihrigen auf meine Empfehlung bin gern nützlich sein wird. Sodann kenne ich hier einen ausgezeichneten Chemiker, der ein armer aber ehrlicher Mann ist und sich von dem Aplomb des Grafen nicht im Geringsten blenden lassen wird. Sie verstehen mich?“
„Sehr gut! Er wird den Krondiamanten untersuchen. Wollen Sie mich auch mit ihm bekannt machen?“
„Sobald Sie es wünschen. Er heißt Van Holmen und wohnt hier ganz in der Nähe, für Vertraute ist er auch das Nachts zu sprechen.“
„Wollen wir ihm noch diesen Abend unsern Besuch machen?“
„Ich stehe Ihnen zu Diensten! Ich glaube nicht,“ setzte der Baron mit seinem Lächeln hinzu, „daß der Graf d´Affri Veranlassung oder Neigung hat, Saint Germain zu protogiren. Wüßte ich, daß Sie die Neigung dieses Gesandten besitzen, so würde ich darauf hindeuten, daß ein Brief von ihm an den Minister die Pfandanleihe sehr in Frage stellen dürfte.“
„Lassen Sie mich machen, Herr Baron! Der Graf befindet sich über die Sendung Saint Germains im Unklaren; indem Sie es mir möglich machen, ihn zu unterrichten, erweisen wir ihm einen Dienst, der ihn veranlassen wird, sich mir gefällig zu erweisen. Ich werde sogleich mit ihm sprechen!“
Casanova erhob sich, um den ausgesprochenen Vorsatz auszuführen. Der Baron von Langenau blieb mit dem Bewußtsein zurück, dem Grafen Saint Germain die erste Rate für das Andenken an den Park zu Verseilles zurückzahlen zu können.
Als die Anwesenden sich zurückzuziehen begannen, entfernten sich auch die beiden Männer. Nach kurzer Zeit standen sie vor der Hinterthür eines kleinen, unscheinbaren Häuschens, aus dessen Schornsteine sie trotz der Nacht einen dichten, dunklen Rauch aufsteigen sahen, in welchen sich zuweilen roth und blau glühende Funken mischten.
Langenau pochte auf eigenthümliche Art, worauf die Thür sich von selbst öffnete und sich ebenso hinter den Eintretenden wieder schloß. Nachdem sie einen kurzen, engen Flur durchschritten hatten, kamen sie an einen verräucherten, niedrigen Raum, dessen Ausstattung ihn als Laboratorium kennzeichnete. Unter einer Menge von Gläsern, Retorten, Tiegeln und allerlei seltsam geformten Gefäßen kauerte ein kleines, dürftiges Männchen, welches sich um die Eingetretenen gar nicht zu kümmern schien, sondern mit größter Aufmerksamkeit dem Erkalten einer metallischen Flüssigkeit zusah, welche in eine Sandform ausgegossen worden war. Erst als sie sich in Zustande der Erkaltung befand, erhob er sich, um die Ankömmlinge zu begrüßen. Es geschah einfach und mit Herzlichkeit; er hatte nicht das Geringste von dem Wesen eines Charlatans an sich.
„Wie kommt es, Herr Baron,“ frug er, „daß ich Sie heut´ noch so spät bei mir sehe?“
„Ich wollte Ihnen Herrn Casanova vorstellen, der vielleicht nächstens Gelegenheit haben wird, sich für Ihre Kunst zu interessieren.“
„Herr Jacob Casanova aus Venedig?“
„Ja,“ antwortete der Genannte. „Sie verzeihen, daß mir der Name Van Holmen nicht unbekannt ist!“
„Sie sind ein Freund der Frau d´Ilfré in Paris?“
„Ja. Kennen Sie diese Dame?“
„Ich stehe mit ihr in Briefwechsel. Sie hat mir oft von Ihnen geschrieben. Ich erwarte soeben einen Mann, welchen Sie vor einigen Wochen bei ihr gesehen haben.“
„Darf ich fragen, wer dieser Mann ist?“
„Der Graf von Saint Germain.“
„Ah!“ rief Casanova erstaunt. „Zählen Sie ihn zu Ihren Freunden?“
„Ich? Hm!“ schüttelte der Chemiker stolz mit dem Kopfe. „Es gibt Hunderte, die ihn fast wie einen Gott verehren, ich aber halte ihn für einen klugen Quacksalber, der es versteht, aus den Dukaten anderer Leute sechzehn karätiges Gold für sich zu machen. Er ist jetzt hier und benachrichtigte mich durch seinen Diener, daß er mir kurz nach Mitternacht einen Besuch machen werde. Ich bin neugierig zu erfahren, was ihn zu mir führt.“
„ Ein glücklicher Zufall“, antwortete der Baron von Langenau. „Grad der Graf ist es, wegen dem wir zu Ihnen kommen. Er ist beauftragt, oder giebt wenigstens so an, die französischen Kronjuwelen gegen die Summe von hundert Millionen zu versetzen, und hat mit der Bitte um sofortige Auszahlung von hunderttausend Gulden den größten der Diamanten zu Kaution gestellt. Ich sage Ihnen dies, weil ich weiß, daß Sie verschwiegen sind. Die Freundschaft zwischen diesem Grafen und dem Könige von Frankreich muß eine sehr innige und vertrauensvolle sein.“
„Ja, entweder,“ versetzte Van Holmen; „oder ist das Vertrauen des Grafen auf die Naivität anderer Leute ein eben so großes! Ich errathe den Wunsch, welchen Sie mir vorzutragen beabsichtigen; Sie brauchen ihn also gar nicht auszusprechen. Hören Sie, es klingelt! Er wird es fein. Treten Sie in dieses Kabinet; er soll von Ihrer Anwesenheit Nichts merken.“
Er öffnete eine hinter dem Rauchfange verborgene Thür und wies die beiden Männer in ein kleines Kämmerchen, welches von dem Laboratorium nur durch eine dünne Wand getrennt wurde, so daß man jedes Wort, welches in demselben gesprochen wurde, vernehmen konnte. Sie hörten das Geräusch der Thüren und waren dann Zeugen eines zwar kurzen aber interessanten Gespräches.
„ Sie sind Van Holmen?“
„Ja.“
„Ich bin der Graf von Saint Germain.“
„So.“
Saint Germain hatte jedenfalls erwartet, zu imponiren. Das einfache „So“ des Chemikers schien ihn zu ärgern.
„Sie haben wohl noch gar Nichts von mir vernommen?“ frug er kurz und gestoßen.
„Viel ist es nicht, was ich hörte.“
„So werden Sie desto mehr noch zu vernehmen haben! Ich komme, um ihnen ein gutes Geschäft anzutragen.“
„Worin besteht es?“
„Haben Sie Kenntniß von meinem berühmten Aqua benedetta?“
„Ja.“
„Ich habe dem Könige von Frankreich und der Marquise von Pompadour davon geben müssen; der Vorrath geht zur Neige, und der König bittet mich um Erneuerung. Ich bedarf zur Herstellung des Wassers ein vollständig eingerichtetes Laboratorium, und da ich meine Apparate nicht bei mir führe, so ersuche ich Sie, mir Ihr Laboratorium auf eine Stunde abzutreten. Ich werde den gegenwärtigen Zustand desselben respectiren und biete Ihnen als Lohn für Ihre Gefälligkeit diesen Diamanten an. Ich erhielt ihn in Wien von dem Grafen Zobor; er ist seine 1200 Gulden werth.“
„Und die Ingredientien zu dem Aqua benedetta?“
„Habe ich hier in der Manteltasche bei mir.“
„Ich stehe Ihnen zu Diensten, da ich mit meiner Beschäftigung grad jetzt zu Ende bin, und werde Sie mit meiner Einrichtung hier vertraut machen.“
Es erfolgte die versprochene Instruction, welcher Van Holmen hinzufügte:
„Jetzt werde ich Sie verlassen; schalten Sie nach Belieben. Sobald Sie meiner bedürfen, ziehen Sie an dieser Glocke!“
Eine Thür ging und ward hörbar von innen verschlossen. Nach kurzer Zeit öffnete sich eine in dem Boden der Kammer angebrachte Fallklappe, und aus ihr stieg der Chemiker empor, welcher lächelnd den beiden Andern Schweigen winkte.
„Er fabricirt sein Universal-Lebenswasser,“ flüsterte er.
„Ich werde ihn beobachten!“
Er zog eine Stuhl an die Wand, stieg auf denselben und öffnete vorsichtig einen unter der Decke in der Scheidewand angebrachten Ventilator. Durch die entstandene Öffnung war es möglich, einen Blick in das Laboratorium zu werfen. Er stand eine geraume Weile auf seinen Poste, ehe er herunter stieg.
„Nun?“ frugen die Andern neugierig.
„Nichts. Er beguckt sich die Töpfe und Tiegel. Sein Aqua benedetta ist, ich bin davon überzeugt, eine ganz harmlose Mischung von Wasser mit irgend einem wohlriechenden Stoffe. Sein Besuch hat nur den Zweck der Reclame; aber es ist möglich, daß dieses Aqua benedetta für ihn zu Aqua maldetta wird. Ich meine sehr, daß er einen großen Fehler begangen hat, mir den angeblichen Diamanten des Grafen Zobor zu verschenken. Ich werde denselben einer Analyse unterwerfen. Ich hoffe, Sie werden mich bis dahin nicht verlassen.“
„Wir bleiben. Es liegt in unserm Interesse, das Resultat Ihrer Untersuchung zu vernehmen.“
Einige Stunden vergingen doch, ehe Saint Germain klingelte. Von Holmen verschwand augenblicklich durch die Fallthür und trat darauf das Laboratorium.
„Ich bin fertig,“ meinte der Graf,“ und Ihre Bezahlung haben Sie. Darf ich wiederkommen? Ich haben einige wichtige und complicirte Operationen vorzunehmen, welche eine längere Zeit erfordern als ich Sie heut brauchte. Doch wird meine Anwesenheit Ihnen keinerlei Nachtheil bringen.“
„Kommen Sie wieder, und bedienen Sie sich meiner Apparate nach Belieben!“
Der Graf entfernte sich. Der Chemiker ließ die beiden Männer wieder zu sich eintreten.
„Der Vorwand des Aqua benedetta diente als Einleitung. Wer weiß, welche chemischen Prozesse er vorzunehmen hat, die mit seinen hundert Millionen in Beziehung stehen. Jetzt aber werde ich vor allen Dingen den Diamanten prüfen.“
Er schürte das bereits ausgegangene Feuer von Neuem an, füllte verschiedene Gefäße mit eben so verschiedenen Ingredientien und unterwarf den Stein einem Verfahren, zu welchem selbst Casanova, der sich guter Kenntnisse in der Chemie rühmte, die Einsicht fehlte. Die Prozedur nahm eine lange Zeit in Anspruch; der Morgen war längst angebrochen, als Sie zu Ende ging. Die zwei Zuschauer befanden sich in einer außerordentlichen Spannung, denn das Ergebnis dieser streng wissenschaftlichen Untersuchung mußte auf ihr Vorhaben von bedeutendem Einfluß sein.
„Ich bin fertig!“ entschied endlich mit triumphirender Miene Van Holmen.

Ich würde wenigstens die Steine erst einer strengen Prüfung unterwerfen,“ sagte Casanova.
„Ah -! Halten Sie dieselben nicht für ächt?“ frug erstaunt Banquier Hope.
„Ich kann Nichts behaupten, doch wir kommen soeben von einer solchen Prüfung, die allerdings ein für den Grafen sehr ungünstiges Resultat ergeben hat.“
Er erzählte den Vorgang bei Van Holmen. Hope hörte ihn mit gespannter Aufmerksamkeit bis zu Ende. Es folgte eine sehr bewegte Unterredung, an deren Ende die Drei mit der Versicherung des strengsten Stillschweigens auseinander gingen.
„Ich glaube, wir gehen einem Siege entgegen,“ meinte Casanova. „Wenn Sie mir in dieser Weise die Hindernisse beseitigen helfen, Herr Baron, so beginne ich allerdings zu glauben, daß ich mein Geschäft zu Stande bringen werde.“
„Ich wünsche es Ihnen, muß aber allen etwa reservirten Dank zurückweisen, da ich dem Grafen gegenüber weniger für Sie als in meinem eigenen Interesse handle. Ich bin ihm eine Revanche schuldig.“ —
Einige Tage später erhielt der Graf Saint Germain folgendes Billet:
„Der König von Frankreich hat durch den Herrn Grafen d´Affri, seinem Gesandten hier, Ihre Auslieferung verlangt. Der deponierte Krondiamant ist untersucht und als Composition erkannt worden. Er wird behalten werden, bis ihn der König selbst reclamiert. Aus Schonung gegen den Letzteren wird Ihnen Zeit zur schleunigen Abreise gelassen. Ein Freund des Schreibers läßt Ihnen sagen, ein Wenig Aqua benedetta sei schuld, daß Ihre Sendung scheitert. Denken Sie an den Baron Langenau und an den Abend bei Van Holmen.
Zwei Stunden nach Empfang dieses Billet wird man kommen, Sie zu arretieren. *** “


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Als der abgesandte Polizeicommissär kam, fand er den Grafen bereits abgereist. Die Verfolgung wurde nur höchst lässig betrieben, und so erfuhr man nach wenigen Tagen, dass Saint Germain sich in Sicherheit befinde. Er war über Nymwegen und den Kanal nach England gegangen.

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