Graf Saint Germain in Schleswig-Holstein

s14_2_1680 Graf Saint Germain in Schleswig-Holstein

von
Dr. Peter Schraud

Ende August 1779 trafen sich in Altona der junge Statthalter von Schleswig Holstein, Carl von Hessen, und der immer junge Graf Saint Germain, der aber nun schon in den 80ern war. „Ich werde Sie in Schleswig besuchen, und Sie sollen sehen, was wir zusammen für große Dinge ausrichten werden“, so erinnert sich Carl in seinen Memoiren der Worte des Grafen. Oberst Koeppern sollte ein Quartier besorgen und so wohnte der Gast im Palais Ahlefeldt, dem heute so genannten Prinzen-Palais (Landesarchiv). Der Landesherr wurde Schüler des großen Weltweisen. Sowohl auf Gottorf wie im Alchimistenturm des Schlossparks Louisenlund gaben sie sich Seite an Seite der Umwandlung der Elemente hin und den bald konkreten Plänen für neue Färbeverfahren von Seidenstoffen.

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Die Fayencenfabrik der Familie Otte in Eckernförde stand zur Verfügung. Carl von Hessen schreibt:

„Die Farbenfabrik wollte St. Germain hier im Lande gründen. Die des verstorbenen Otte in Eckernförde stand leer und verlassen. Ich hatte somit Gelegenheit, diese Gebäude von der Stadt billig zu kaufen, und setzte den Grafen St. Germain dorthin. Auch kaufte ich Seidenzeuge, Leinen usw. Außerdem waren vielerlei Gerätschaften zu einer solchen Fabrik erforderlich. Ich sah dort nach der Art, wie ich es gelernt und in einer Tasse selbst versucht hatte, 15 Pfund Seide in einem großen Kessel färben. Das gelang vollkommen. Man kann also nicht sagen, dass es im Großen nicht gehe.“

Das Unglück wollte, dass der Graf Sain Germain, als er nach Eckernförde kam, unten in einem feuchten Zimmer wohnte, wo er einen sehr starken Rheumatismus bekam, von welchem er sich, trotzt seiner Heilmittel nie wieder ganz erholte.“

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Warum aber war der Farbenfabrik und somit der darbenden heimischen Industrie kein Erfolg beschieden? Der prominente Seidenhändler Willermoz in Lyon wurde ja bemüht, die Erzeugnisse zu vertreiben. Doch es liegt auf der Hand, dass dieser seit dem Wilhelmsbader Konvent 1782 als Freimaurer-Rivale auftretende rührige Mann die Gelegenheit nicht verstreichen ließ, sich unbrüderlich zu verhalten. Er gab den Proben der gefärbten Stoffe keine Chance. Saint Germain musste, besonders in Abwesenheit seines Freundes, den Eindruck haben, es gebe hier nichts mehr für ihn zu tun und legte am 27. Februar 1784 im Christianspflegehaus –neben dem Fabrikgebäude- seinen so ausdauernd gewesenen Leib ab.

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Der rosenkreuzerische Arzt Lossau erhielt seinen ganzen medizinischen Nachlaß, von dem aber nichts bis heute bekannt wurde, außer dem Volksheilmittel „Saint Germain Tee“, dem abführenden Getränk aus Sennesblättern.

Die Fama berichtet, daß der Verstorbene weiterhin erblickt wurde. In Versailles, um die königliche Familie vor den Wirren der Revolution zu warnen, in Wien und auch wieder in Schleswig beim Leichenbegängnis seines mit 92 Jahren gestorbenen Freundes, der über 60 Jahre regiert hatte. Das war 1836, und keiner der Trauergäste konnte die charakteristische Gestalt in Perücke und Kniehosen übersehen.

Eine Anregung, die auf Graf St. Germain zurückgeht und Carl von Hessen in seinem Alchimistenglück bestärkt hat, ist das sogenannte „Carls-Metall“ (auch Neu-Platina genannt), eine Legierung, die sich trotz des Einsatzes des Chemikers Forchhammer ab 1825 nicht weiter fabrikmäßig verwerten ließ. Der Neffe eines Schleswiger Goldschmiedes, der mit Carl zusammenarbeitete, notierte:

„Ein Stück von diesem Golde liegt vor mir auf dem Tische; es ist eigentlich Eisen und hat keine einzige edle Eigenschaft des Goldes, sieht aber fast so aus, nur läuft es nach kurzer Zeit stark an und bekommt eine unedle schmutzig-graugrüne Farbe. Aus dieser Substanz musste mein Onkel nun allerlei Schmucksachen, als Broschen, Ringe, Ohrgehänge, Armbänder usw. gießen -, welche Gegenstände dann als Geschenke an fürstliche Personen versandt wurden. Bei der hohen Stellung des Gebers war es natürlich nicht möglich, diese Geschenke zurückzuweisen.“

Solche Umwege liebt das Leben, denn ohne Carls Festhalten an diesen Liebhabereien wäre es nicht zu der von ihm favorisierten Gründung des Eisengusswerks Carlshütte durch Holler 1827 in Rendsburg gekommen.

Und da wiederum fällte ein Zusammentreffen auf, das sich auf dem Neuwerkgarten im Gottorfer Schloßbereich bezieht. Als Carl von Hessen das Amt des Statthalters antrat, war der Verfall der Gottorfer Lustgärten bereits weit fortgeschritten. Aber 1772 wurde der Tempel mit kleiner Kaskade erneuert, und 1832 eine gusseiserne Brunnenschale zugefügt, von immerhin 2,30 m Durchmesser, ein Erzeugnis der neuen Carlshütte. In diesem Beisammensein von Tempel und eherner Schale, die Wasser enthält, ist eine verschwiegene Reverenz zu sehen an den ersten eingeweihten Baumeister. Von diesem leiten sich die Freimaurer her. Hieram errichtete den salomonischen Tempel und davor das „eherne Meer“, die gewaltige eiserne Schale, deren Guß so gefahrvoll war. Dieses Beherrschen der irdischen Elemente, die Kunst „Feuer und Wasser zu mischen“, verbunden mit einem hohen esoterischen Rang ist das offenkundig gemeinsame zwischen dem Tempelbaumeister von Jerusalem und St. Germain – wie sein vertrauter Schüler Carl ihn sah.

„Was Saint Germain betrifft, so bin ich der Einzige, dem er sich anvertraut hat. Er war der größte Geist, den ich kannte1

Recht verschwiegen ist auch eine Signatur des Grafen von Saint Germain, die aber noch erwähnt sein will:

Wie hat der ausgewiesene Milität Carl von Hessen es fertiggebracht, sein Ländchen in den Jahrzehnten, als Europa unter den Armeen für und gegen Napoleon erzitterte, den Frieden zu bewahren? Schleswig-Holstein als Insel, während rings alles in Flammen stand, Kopenhagen bombadiert wurde (1807), Hamburg ausgeplündert (1813) – ein auffallendes Phänomen! Im Dezember 1813 hinterließ der Krieg in den Gefechten von Bornhöved und Sehestedt, als nach der Völkerschlacht von Leipzig 57.000 Mann unter schwedisch-russischer Führung eindrangen – und das war alles! Carl selbst, der Kommandierende, stiftete 1822 das prunkvolle Denkmal in Sehestedt zur Erinnerung, wie der Krieg von seinen holsteinisch-dänischen Ländern ferngehalten wurde.

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Die Kunst, in verworrenen Zeiten den Frieden zu wahren, hat der Regent von Graf Saint Germain gelernt, „dem einzigen , der das Geheimnis des Friedens kennt“ 2

So weitet sich der Blick über die Generationen hinweg und die vier zunächst erfolglosen Jahre seines Aufenthalts erwiesen sich als Zeit der Aussaat. Vieles an Graf St. Germain findet unsere Aufmerksamkeit, sobald wir Abschied von den allzu eiligen Etiketten „Abenteurer“ und „Scharlatan“ nehmen. Wir müssen ihn nicht gleich zu den „aufgestiegenen Meistern“ rechnen, aber das Interesse an seiner Grabeskirche St. Nikolai in Eckernförde hält an, auch wenn die Grabstätte seit der Sturmflut von 1872 nicht mehr erhalten ist.

In der Person der Biographin Irene Tetzlaff und ihrer lesenwerten Bücher hat Schleswig-Holstein sich um ein ehrendes Andenken an den Wanderer bemüht, der so wenig äußere Spuren hinterließ. Aber noch später wird sich das friedliche Land zwischen den Meeren wohl auch zur Ehre anrechnen, dass es diesem Großen des Geistes eine Zuflucht geboten hatte.

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1Voltaire über Saint Germain

1Aus einem Brief an den Prinzen Christian von Hessen-Darmstadt 1825

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http://gsg.fogserv.de/fognin/der-digitale-bettler/